Spielhilfe Anarchen

Spielhilfe Anarchen

„Sons have always a rebellious wish to be disillusioned by that which charmed their fathers.“
~ Aldous Huxley

 

Das Leitmotiv der Anarchen ist wahrscheinlich die Heuchelei von Veränderung. Die Gesellschaft der Vampire ist seit Jahrhunderten statisch und die Existenz von Anarchen fordert diese Statik heraus. Wenn eine Revolution der Anarchen erfolgreich ist und der aktuelle Machthaber, egal ob Prinz oder Erzbischof, gestürzt wurde, wird dieser meist abgelöst von einem ähnlich autokratisch regierenden Baron oder einer anderen Führung der Anarchen. Allzu oft sieht die Anarchenbewegung wie ihre eigenen Kinder fallen oder ihre eigenen Ideale für Privilegien verraten. Ein Fluch, der tief verankert in dem Wesen eines jeden Kainiten zu liegen scheint.

Geschichte

Mittelalter und die Gründung der Camarilla

Die Basis der Bewegung liegt in den Nächten, als Karthago fiel. Die Ventrue aus Rom zerstörten das Karthago der Brujah in einem Anfall von Missgunst und Furcht. Das Echo ist bis in die heutigen Nächte hör- und spürbar.

Bis ins Mittelalter bauten die älteren Vampire ihre Königreiche auf dem Rücken der Jüngeren. Doch dann trat Papst Gregor IX. auf den Plan, der Vater der Inquisition. Es entspann sich ein Kreuzzug der Reinigung ungeahnten Ausmaßes – auch gegen die kainitische Bevölkerung der Alten Welt. So trat etwas ein, was bis dato unmöglich schien: Die Ältesten unter den Vampiren erschienen plötzlich angreifbar. Die menschlichen Herden der Vampire waren just stark ausgedünnt durch die Verheerung der Pest und nun trat diese neue, immense Bedrohung auf den Plan. Manche Ahnen zogen sich zurück und überließen die Jüngeren ihrem Schicksal, während andere wiederum aktiv ihre Nachkommen in die Feuer der Inquisition warfen, um sich selbst zu retten. Inmitten dieses Chaos wurden Stimmen laut, die nach einer Organisation der Vampire strebten und vor allem nach dem Ideal der Maskerade, um die Existenz der Kainiten vor den Menschen zu verstecken. Insbesondere tat sich hier ein Ventrue namens Hardstadt hervor, der die Idee der Camarilla auf den Plan brachte mit der Idee, dass Gemeinsamkeit Stärke bringt, um sich gegen die Streiter der Inquisition zu behaupten. Die Gesetze dieser Gemeinschaft sollten von einem inneren Zirkel von Ahnen bestimmt werden und aufrechterhalten werden von den Fürsten der jeweiligen Domänen.

Die Stimmen, die sich dagegen erhoben, sahen in dieser Camarilla und der Maskerade nur Werkzeuge dafür, dass die Älteren ihre Macht weiter ausbauen auf dem Rücken der Neugeborenen. Insbesondere der Brujah Galaric sprach sich gegen die Tyrannei der Älteren aus, die so fazilitiert würde, die alten Wunden aus Karthago noch offen und wund. Hardestadt ordnete zwar die Ermordung von Galaric an, doch dessen Nachkommen konnten fliehen und so verbreiteten sich seine Worte. Sie wurden insbesondere gehört von Patricia of Bolingbroke, einer Neugeborenen, welche bereits gegen die britische Monarchie gekämpft hatte. Sie war nach Spanien geflohen, wo sie mit eigenen Augen mit ansah, wie die Älteren die Jüngeren der Inquisition opferten. Mit weiteren Neugeborenen stürmte sie die Zuflucht von Hardestadt und diablierte den Architekten der Camarilla. Das Wissen um diesen erfolgreichen Aufstand der Jüngeren verbreitete sich schnell in Europa und war der Zündfunke im Pulverfass der Revolution.

Es entspann sich ein Blutbad, als die Jüngeren gegen die Älteren kämpften und die Macht aus ihren Händen reißen wollten. Wenn eine Neugeborene einen Älteren diablieren kann, warum nicht auch andere? Nicht länger würden sie die ausgetretenen Stufen auf der Leiter zur Macht der Ahnen sein, sondern sie sahen, dass sie den gleichen Anspruch auf freien Willen und Macht hatten.

Über die folgenden Jahrzehnte bis zum Ende des 15. Jahrhunderts entspannten sich die Kämpfe und das Blutvergießen über ganz Europa und nahmen immer weiter zu. Der unkontrollierte, unkoordinierte Krieg forderte viele Opfer und auch Menschenleben, was dazu führte, dass wieder die Inquisition auf den Plan trat. Und da Geschichte sich wiederholt, passierte es wieder wie im Jahrhundert zuvor. Doch inmitten dieses Gemetzels und der Furcht der Kainiten wurden erneute Rufe nach der Camarilla laut und dieses Mal fielen sie auf wesentlich fruchtbareren Boden. In Wien kamen die Führungspersönlichkeiten aller großen Clans zusammen und formten den inneren Zirkel. Sie schworen einander die Anarchenbewegung ein für alle mal zu zerstören. Die Geburtsstunde der Camarilla.

Nach weiteren sieben Jahren des Blutvergießens fand 1493 in Thorns, einer kleinen Stadt in Hampshire, England, ein Friedensgespräch von den Führungsebene der Camarilla mit Führungskräften der Anarchen statt. Der Vertrag von Thorns forderte die Anarchen sich der Führung der Älteren zu ergeben und es würde eine Amnestie für ihre bisherigen Vergehen ausgesprochen, und die Assamiten würden einen Fluch der Tremere bekommen, der es ihnen nicht weiter ermöglicht zu diablerieren.

Doch die Lasombra wollten Verhandlung, nicht Unterwerfung. Sie fühlten sich verraten von ihren Kameraden aus der Anarchenbewegung, welche den Vertrag unterzeichneten. Sie sprachen sich für einen Krieg gegen die Camarilla aus und gegen alles, für das sie stand. Viele von Clan Tzimisce folgten ihnen. Fünfzig Jahre später waren ihre Reihen gewachsen und es war die Geburtsstunde von der Sekte, die wir heute als Sabbat kennen.

Nach der Unterzeichnung des Vertrags von Thorns stabilisierte sich die Situation in Europa einigermaßen. Die Camarilla breitete sich aus mit einer Regierungsform, die dem, was davor war, sehr gleichte. Doch die Vernichtung von zwei Vorsinnflutlichen und unzähligen Ahnen lehrte jenen, die überlebt hatten, dass wirklich niemand unzerstörbar war.

 

Anfang des 20. Jahrhunderts

Im 20. Jahrhundert erfuhr die Anarchenbewegung einen massiven Aufschwung und Veränderung. Das britische Empire zeigte Anzeichen von Vergänglichkeit, Amerika war zu einer beeindruckenden Macht herangewachsen und überall begannen Monarchien und Aristokratien zu bröckeln. Doch der übergreifende Kapitalismus brachte ebenso eine Gegenbewegung hervor, als die marxistischen Revolutionen durch Europa rasten.

Die russische Revolution von 1917 veränderte sich schnell zu einem blutigen Bürgerkrieg, die bekanntesten Opfer waren wohl der Zar und seine Familie. Ab 1900 hatten die revolutionären Ideen in Russland begonnen und durch die Schwächung des Zaren im 1. Weltkrieg kam es zum endgültigen Sturz der Monarchie in Russland. In wenigen Jahren war die etablierte pre-revolutionäre Elite in der russischen Gesellschaft der Kainiten entweder gefallen oder geflohen, an ihre Stelle kam die Vorherrschaft von den Brujah, die die Revolution vorangetrieben hatten, und die USSR. Auch wenn sich die Führung nie als Anarchen identifizierte, war für die restliche europäische Camarilla-Elite klar, dass das vorherige Zarenreich nun quasi ein anarchischer freier Staat war.

Parallel dazu begann es im Westen der USA immer mehr zu brodeln. Im Fahrwasser der Kolonialisierung sind auch immer mehr Anarchen aus Europa in die USA gegangen. Sie waren ein ausschlaggebender Faktor im Unabhängigkeitskrieg und zogen dann immer weiter westwärts in bisher unerschlossene Gebiete. Ironischerweise waren sie ein großer Faktor bei der westlichen Erschließung der USA in Konkurrenz mit der Camarilla. Am Anfang des 20. Jahrhunderts existierten mehrere große Domänen der Camarilla in Kalifornien, wie z.B. die Metropole Los Angeles, aber gerade im Süden von Kalifornien auch viele etablierte anarchische freie Gebiete. Aktuell gibt es immer mehr Spannungen zwischen den Anarchen und dem Prinzen von Los Angeles, Don Sebastian Juan Dominguez, einem älteren Toreador. Don Sebastian war bereits fast ein Jahrhundert Prinz von Los Angeles, aber sein Führungsstil von Ignoranz, Dekadenz und Despotismus beginnt immer mehr Konflikte zu schüren. In den heutigen Nächten ist man sich unter den kalifornischen Anarchen immer einiger, dass die Revolution kommen wird, unklar ist nur wann – ob nächstes Jahr oder in zwei Dekaden. Aber Vampire haben Zeit.

Und wie sich die revolutionären Ideen gegen Monarchien in der Menschheit über Europa verbreiteten, so verbreiteten sich die anarchischen Ideen in der kainitischen Gesellschaft ebenso rasch. Die Bewegung der Anarchen bekam einen massiven Aufschwung.

Doch was daraus in der Zukunft des 20. Jahrhundert erwachsen würde, soll an dieser Stelle nicht ausgeführt werden.

 

Aktueller Status

Für uns soll der Augenmerk auf dem aktuellen Status von 1920/1921 liegen, so wie ich ihn für uns festgelegt habe.

Die Anarchenbewegung erlebt einen ungeahnten Aufschwung und an verschiedenen Orten traten unerwartet starke und erfolgreiche Gruppierungen der Anarchen auf den Plan.

In Russland war wohl der größte Erfolg mit der Revolution zu bezeichnen und auch, wenn nun ein Status Quo durch ein Konzil von Brujah hergestellt wurde, brodelt es unter der Oberfläche weiter. Von Osten schwappte die Erstarkung der Bewegung vor allem nach Deutschland, insbesondere Berlin, wo die ersten Umsturzversuche der Anarchen bereits vor einigen, wenigen Jahren nach Ende des Weltkrieges beobachtet werden konnten. Doch auch aus Amerika hört man immer öfter tatsächlich ernstzunehmende Diskrepanzen mit Anarchen, sogar aus der Domäne New York, wo aus dem Westen ankommende Anarchen den Fürsten der Domäne wohl tatsächlich empfindlich getroffen hatten.

Doch aktuell ist für die europäischen Kainiten vor allem Berlin im Zentrum der Aufmerksamkeit, wo in den letzten Monaten um den Jahreswechsel 1920/1921 ein ausgewachsener und blutiger Krieg mit den Anarchen geführt wurde. Aktuell ist die Camarilla trotz vieler Verluste siegreich hervorgegangen. Doch für wie lange ist der angespannte Frieden haltbar?

 

Die Bewegung

Rebellion cannot exist without a strange form of love.
~ Albert Camus “The Rebel”

 

Die Anarchenbeweggung ist recht lokal beschränkt und sporadisch ohne eine wirkliche zentrale Organisation außerhalb der Städte und Gebiete, in denen sie vorherrschend aktiv ist. Große Teile der Camarilla betrachten die “Anarchen” weiterhin unter ihrer Schirmherrschaft aufgrund des Leitsatzes, dass alle Kainiten, die sich nicht aktiv gegen die Camarilla und für den Sabbat aussprechen, Teil von ihr sind und wegen des Vertrags von Thorns. Die Anarchen wiederum betrachten diese Ansicht natürlich als Unterdrückung und Zwang.

Der Hauptleitsatz der Anarchen ist, dass die Herrschaft der Älteren ein rückständiges, veraltetes Konzept ist und dass die Domänen der Vampire von jenen geleitet werden sollten, die es sich aufgrund ihrer Befähigung verdient haben, mit einem grundsätzlichen Respekt für alle individuellen Kainiten. Sie wollen also die Macht aus den Händen der alten Elite reißen und die Macht fair und gleichberechtigt verteilen. Natürlich funktioniert weder in der Camarilla noch im Sabbat die Gesellschaft so und jene, die vom Herrschaftsprinzip der Alten profitieren, sträuben sich entsprechend gegen die Idee und finden sie im besten Fall lächerlich oder im schlimmsten Fall hochverräterisch.

Viele der Anarchen sehen sich als Revolutionäre: willens alles zu tun, was nötig ist, um die Macht aus den Händen der korrupten alten Elite zu reißen, die diese Macht bisher hortet. Grundsätzlich erkennen sie die Notwendigkeit der Camarilla an, aber in einem massiv restrukturierten Status mit einer anderen Basis der Machtverteilung.

Wenn man jedoch zwölf Anarchen fragt, was sich konkret ändern sollte, bekommt man voraussichtlich dreizehn verschiedene Antworten. Die Basis ist die Verteilung der Macht von den Älteren hin zu einer der Befähigung, doch darüber hinaus gibt es wenig übergeordnete Ziele und auch die Mittel und Wege unterschieden sich zwischen den verschiedenen Anarchengruppierungen hart.

Eine Anarchendomäne ist natürlich trotzdem kein utopisches Paradies von glücklichen und friedlichen Vampire. Sie sind im Endeffekt genau so spießige und hinterhältige Königreiche, regiert von untoten Herrschern, die über das größtmögliche Territorium herrschen, das sie einnehmen können.

Viele Vampire denken von den Anarchen fälschlicherweise als bloße Vereinigung von frisch-erzeugten Brujah, die gegen die Höheren rebellieren, doch die Bewegung hätte nicht all die Jahrhunderte überdauert, würde es nicht für jeden jungen, lauten Brujah auch einen gesetzteren, durchdachten Ancilla oder gar Ahnen geben, der sich den Idealen der Bewegung verschrieben hat. Die Diversität, die eine Ursache für das Chaos in der Organisation der Anarchen ist, ist gleichzeitig aber auch ihre größte Stärke.

 

Was ist ein Baron?

Die Anarchenbewegung steht konkret gegen die Tyrannei von Prinzen/Fürsten aber, trotz ihres Namens, erkennen auch Anarchen oft, dass eine Führung in einer Domäne nötig ist. Ergo haben sie Barone: Ein Quasi-Fürst nur ohne denselben Namen und Reputation. Viele Barone versuchen zwar stark, es zu vermeiden, in eine Camarilla-ähnliche Autokratie abzurutschen, aber, wie es eben der Fall ist, kann die Macht schnell korrumpieren. Ein Baron tanzt allnächtlich den Drahtseilakt zwischen der Identität als weiser Führer und machtbewusstem Autokraten. Und die idealistische und eigentlich unrealistische Natur von revolutionären Ideen hat schon viele Barone zu Fall gebracht, wenn sie mit dem schnöden Alltag der Führung einer Domäne konfrontiert worden waren.

 

Dein Spiel

“Ye are the light of the world. A city that is set on an hill cannot be hid.”
~ Matthew 5:14

 

  • Du bist weder Schachfigur noch Werkzeug, das ausgenutzt wird von jemandem über Dir. Sei stolz, sei Du selbst!
  • Du erkennst die Notwendigkeit der meisten Traditionen an und verhältst Dich auch entsprechend. Doch die Traditionen sollten nicht willkürlich ausgelegt werden, um die Macht der Älteren und Fürsten zu stärken! Sie sollen Schild und nicht Schwert sein.
  • Du verachtest die Herrschaft der Alten und korrupten Elite, sowohl im Sabbat als auch in der Camarilla. Führen sollten jene, die sich bewiesen haben vor allen, unabhängig ihres Alters, ihres Clans oder ihrer Ahnenlinie.
  • Du stehst für Veränderung und die Hoffnung auf ein besseres Morgen!
  • Worte sind Dein erstes Mittel der Wahl, um andere von Deinen Ansichten zu überzeugen. Doch wenn deren Korruption und Brainwashing schon so weit fortgeschritten sind, dass Deine Worte nicht mehr gehört werden, rüttelt sie hoffentlich eine ordentliche Ohrfeige wach.
  • Du weißt, dass die Führungselite der Camarilla Angst hat, dass die Rhetorik Eurer Bewegung umfangreich fruchtet. Dies gibt Dir die Stärke weiterzumachen.
  • Du ordnest Dich nur jenen unter, die bewiesen haben, dass sie es bzw. Dich wert sind, unabhängig ihres Clans oder Status.
  • Eure Bewegung steht am Rande der Vampire-Gesellschaft. Du und Deine Kameraden halten daher besonders eng zusammen. Gemeinsam gegen das Establishment!
  • Du bist leidenschaftlich, Du bist mutig, Du bist gewillt gegen jene, die viel mächtiger und stärker als Du sind, zu stehen, denn nur so kann Veränderung herbeigeführt werden.
  • Ein typischer Anarch lebt recht nomadisch, von daher wirst Du wenig mehr besitzen, als in einige wenige Koffer passt, die Du schnell transportieren kannst. Daher bist Du besonders wählerisch mit Deinem Besitz und alles, was Du hast, repräsentiert alles, was Du darstellen willst.
  • Du tötest nicht! Außer im äußersten Notfall. Andere Kainiten zu töten, füttert nur umfangreiche Blutfehden und führt oft zu mehr Komplikationen als dass es hilft. Nur sehr wenige Köpfen müssen rollen, damit jene, die von ihnen abhängig waren, ihre Ketten sprengen können. Und was Menschen betrifft, so hält Dich viel Deiner Menschlichkeit davon zurück und Probleme mit der Maskerade. Anders als die Kainiten vom Sabbat, achtest Du die Maskerade und hältst Dich nicht für ein Monster, welches Vorherrschaft über die Menschheit verdient.
  • Veränderung ist Dein allnächtlicher Begleiter. Einen Status Quo, mit dem Du zufrieden bist, kennst Du quasi nicht. So wie Du fast immer ein Nomad auf Reisen bist, so steht auch immer das nächste Ziel, die nächste große Aufgabe am Horizont.
  • Niemand ist allmächtig!

 


Quellen:

“Anarchs Unbound”, 20th Anniversary Edition Vampire The Masquerade, 2014

“V20 Companion”, 20th Anniversary Edition Vampire The Masquerade, 2012

“20th Anniversary Edition Vampire The Masquerade”, 2011

“Guide to the Camarilla”, 1999