Traum GA I
Ich hab ‚ die Nacht geträumet wohl einen schweren Traum.
Es wuchs in meinem Garten ein Rosmarinbaum.
Ein Kirchhof war der Garten, das Blumenbeet ein Grab.
Und von dem grünen Baume fiel Kron und Blüten ab.
Die Blätter tät ich sammeln in einem goldnen Krug.
Der fiel mir aus den Händen, dass er in Stücke schlug.
Draus sah ich Perlen rinnen und Tröpflein rosenrot.
Was mag der Traum bedeuten? Ach Liebster, bist du… tot…?
Aquabella – Ich hab die Nacht geträumet (Youtube)
Die Zeilen des Liedes wiederholen und verzweigen sich gleich eines Echos in Deinen Träumen, die mit den Worten gezeichneten Bilder entstehen vor Deinen Augen.
In dem nächtlichen Garten unter dem Schein des zunehmenden Halbmondes siehst Du eine schmale, gebückt stehende Person. Ihre grauschmutzigen Gewänder bewegen sich sacht im nächtlichen Wind während sie hinunter gebeugt ist zu einem Rosenstrauch in den verwucherten Beeten. Das Mondeslicht erleuchtet die knochigen, dreckigen Finger, welche jedoch zärtlich über die welken Blütenblätter der Rose streichen und diese mit sanften Bewegungen versuchen wieder aufzurichten, doch jeder Versuch endet damit, dass die Blätter wieder schwach nach unten sinken und dann teilweise lautlos zu Boden neben den braunen, verdorrten Stiel des Strauches fallen, um welchen sich liebkosend Schlangen winden.
Plötzlich hörst Du es in den schwarzen Büschen hinter dem Rosenstrauch rascheln. Nur ein Blinzeln später springt aus dem Dunkel ein Schatten mit einem lauten Fauchen. Er stürzt sich auf die welkende Rose und reißt das Gewächs von seinem schwachen Stiel. Es ist als würde die sterbende Rose um Hilfe flehen und die erste Gestalt reagiert blitzschnell. Ihre schmalen Finger packen den Schatten fest, werfen ihn zu Boden. Zweifaches, aggressives Fauchen zerreißt erneut die nächtliche Stille. Ein Blitz erhellt die Gesichter der Gestalten. Eines mit Fell geziert, die Fangzähne weiß und scharf. Das andere eine grau-eingefallene Version eines langsam rottenden Leichnams. Du erkennst die Gesichter. In der Ferne ein Donner als würde ein metallener Gegenstand zu Boden fallen.
“Wer? WER?”
Erneut zucken Blitze über den nächtlichen Himmel und erleuchten mit ihrem zitternden Licht wie der zweite Körper von dem ersten nieder gestreckt wird. Die gesagten Namen werden von dem heischenden, aufkommenden Wind verzerrt. Das Geräusch des aufschlagenden fellenen Körpers wird verschluckt von einem weiteren Donnern.
Der nun heulende Wind peitscht finstere Wolken vor den Mond und schreit von Rache als eine schwere, hölzerne Tür aufgestoßen wird. Ausgedörrte Skelett Finger klammern sich um einen weißen, kräftigen Hals mit der unmenschlichsten Wut doch werden nur von einem erstickenden Lachen beantwortet.
“IHR! faucht es als zorniger Vorwurf.
“Sie sehen alles, meine Liebe. Seine Zeit ist zerronnen,” kommt die Antwort. Doch das mitschwingende Lachen erstirbt unter einem Fauchen, als der Zylinder von dem nun anscheinend leblosen Körper fällt.
Rotblutige Rinnsale vermischen sich mit dem peitschenden Regen, werden von dem Sturm getrieben über das Pflaster der Straßen und tropfen hinunter unter die Stadt.
Das einst schöne und nun so verrottete Gesicht wendet sich mit flammenden Zorn in den Augen direkt zu Dir.
“Du bist die nächste. Ihr elenden, intrigante Kriecher. Ein unheiliges Bündnis. Pah.”
Ein kühles, weißes Gesicht schiebt die hässliche Fratze aus Deinem Gesichtsfeld. Das Lächeln auf den schmalen Lippen erreicht die Augen nicht. Sanft legt sich eine Hand auf Deine Schulter während die andere Runen in das Dunkel malt.
“Ssssshhht, schlaft. Dies ist nicht für Eure Augen. Schlaft.”
Die bleierne Müdigkeit zieht Dich wieder in ihren Bann und legt sich wie eine schwere Decke über Deinen Geist. An Deine Nase dringt noch ein schwacher Geruch nach Rosmarin und Asche. In dem Dunkel glimmt ein kleines Licht, gleich eines einzelnen Stern am Nachthimmel, welches stärker und stärker wird bis es gleißend hell die Form eines Ankhs annimmt bevor Deine Sinne erneut in dem tiefen Tagesschlaf schwinden.
Du erwachst nach Sonnenuntergang an Ort und Stelle und in demselben Zustand, in welchem Du in der vorherigen Nacht in den Schlaf gezwungen wurdest. Deine letzte beabsichtigte Handlung führst Du instinktiv durch bevor Du realisierst, was geschehen ist.